Sonntag, 1. Juli 2012

Die Prophezeiung Kapitel 17 (traurige Erinnerungen)

Urgandel im Hundertneununddreißigsten Mondzyklus nach der Besetzung: Irgendwo in der Nähe des Flusses

Wallungur hatte seine Grenzen erreicht, er ließ die Taschen fallen und sank erschöpft zu Boden. Fortingas hatte die Orientierung verloren und fluchte leise. Tyrella hatte, als ihr Bein nicht mehr schmerzte, darauf bestanden selbst zu laufen jedoch bereute sie es schnell. Humpelnd und mit zusammen gebissenen Zähnen versuchte sie Schritt zu halten. Die einzige die Spaß hatte war Klondieke. Sie jagte Heuschrecken und pflückte Blumen. 

„Nun stell dich nicht so an, Zwerg. Ich kann in der Ferne den Fluss sehen, dort schlagen wir unser Lager auf und zum Essen gibt es Fisch!" sagte der Alb aufmunternd und ging weiter. "Ja und dort ersäufe ich dich." brummte die Zwergin. Fortingas war ein guter Bogenschütze, doch wenn es darum ging Arbeiten aus zu führen oder etwas zu tragen, das kein Bogen war hatte er sich gedrückt.

Als die Zwerge Fortingas eingeholt hatten, konnten auch sie durch das hohe Schilf das glitzernde Wasser sehen. Der Alb hatte angefangen Steine für eine Feuerstelle zu suchen und legte einen Kreis. Tyrella schob das Gras zur Seite und jubelte „Wasser, endlich ein Bad!!" Sie nahm Klondieke an der Hand, ging einige Schritt flussabwärts und verschwand in dem Schilf. Wallungur hatte einen langen Ast abgeschnitten und schnitzte sich einen Speer um zu Fischen, Fortingas stand bereits am Ufer und spannte seinen Bogen. Er hatte eine Schnur an einen Pfeil gebunden um ihn wieder aus dem Wasser zurück holen zu können. Als Wallungur seinen Speer fertig hatte gesellte er sich zu dem Alb, der wild ins Wasser schoss. „Hör auf damit, du verjagst ja alles was im Wasser schwimmt. Geh und sammle Feuerholz." Nur widerwillig folgte Fortingas den Anweisungen.

Tyrella hatte dem Mädchen die Kleider ausgezogen und an einer seichten Stelle des Flusses ins Wasser gesetzt. Sie wusch den zarten Leib des Kindes und die langen Haare, die immer noch die silbergraue Farbe hatten. Doch das war nicht das einzige das der Zwergin auffiel. Die Haut des Mädchens war immer noch weiß. Obwohl Klondieke immer der Sonne ausgesetzt war und an sehr warmen Tagen sogar mit bloßem Oberkörper herum gelaufen war, hatte sie keine Farbe angenommen. Tyrella holte das Kind aus dem Fluss und drückte alles Wasser aus den Haaren des Kindes. Sie kleidete das Kind an und flocht die Eisenringe in ihre Haare.

Als sie mit der Kleinen wieder zu den Männern zurück kehrte, garten sechs große Forellen und zwei kleine Rotaugen über dem Feuer. „Die Forellen sehen aber lecker aus." lobte Tyrella, worauf Wallungur stolz seinen Kopf hob. Als sie gegessen hatten meinte der Zwerg, dass er nun etwas im Wasser entspannen wollte. Er nahm seine Pfeife, Tabak und ein Stück glühende Holzkohle. Dann ging er zu der seichten Stelle am Fluss.
Tyrella versorgte ihre Wunde am Bein, Klondieke saß neben ihr und nagte die Gräten ab. Als sie den Verband angelegt hatte, merkte sie das Fortingas sie anschaute. „Was glotzt du so? Hast du noch nie eine Pfeilwunde gesehen? Das sollte dir doch bekannt sein." knurrte sie und schob das Hosenbein wieder herunter. Fortingas schaute ihr in die Augen. „Ich denke ich habe bewiesen dass ich keinen Verrat im Schilde führe." sagte er und versuchte verzweifelt den Fischtran von seinen Händen ab zu wischen. Die Zwergin schaute ihn herablassend an. „Alb bleibt Alb." knurrte sie und warf den alten Verband ins Feuer. 

Fortingas schaute in die Flammen und suchte nach Worten, dann sagte er: „Ich weiß die Nachtalben haben deinen Gemahl getötet, aber ich habe nie meinen Bogen gegen Zwerge erhoben. Außerdem sollte eine Zwergin wie du ohne Probleme einen neuen Mann finden können." Er glaubte sie mit Schmeicheleien etwas milder zu stimmen, doch er erreichte das Gegenteil. „Du verdammtes Langohr. Du weißt gar Nichts. Nie werde ich mich wieder Vermählen, weil ich keine Kinder gebären kann oder glaubst ein Bauer würde einen unfruchtbaren Boden kaufen?" fauchte sie ihn an. Der Alb senkte den Kopf, seine Worte taten ihm nun leid. Auf seine Frage ob es ganz sicher sei das es an ihr läge, erwiderte sie: „Während meiner Ehe konnte ich nicht schwanger werden. Wie sehr ich auch zu Adamas gebetet habe, der Wunsch auf Kinder blieb mir versagt."
„Ist dir denn nie in den Sinn gekommen, dass es nicht an dir liegen könnte, sondern dass dein Gemahl nicht fähig war Kinder zu zeugen? Darum haben die Nachtalbe das Recht der Annullierung. Sollte ein Mann sich als unfähig erweisen hat die Frau das Recht sich einen anderen Partner zu nehmen." Als Tyrella das hörte, musste sie laut lachen. „Das sind ja schöne Sitten. Aber wir sind Zwerge und keine boshaften Kreaturen."  Sie schaute den Alb durchdringend an. „Ich werde auch ein Bad nehmen, etwas das ich dir auch empfehlen würde Alb. Achte auf das Kind, kommst du auf dumme Gedanken werde ich dich finden." „Daran zweifle ich nicht. "sagte Fortingas und holte Klondieke zu sich.


 Die Zwergin ging zu der Stelle wo sie das Kind gebadet hatte. Sie wollte gerade durch das Schilf treten, als sie Wallungur erblickte. Er saß im Wasser und nur sein nackter Oberkörper war zu sehen. Während Tyrella ihn beobachtete regte sich etwas in ihr. Seine breiten Schultern, die muskulösen Arme und auch sonst alles an ihm, weckten in ihr ein Verlangen das sie schon lange nicht mehr gefühlt hatte. Leise trat sie durch das Schilf hindurch.  


Wallungur saß, mit geschlossen Augen, im warmen Wasser und ließ sich von der schwachen Strömung die müden Glieder massieren. Plötzlich merkte er eine Bewegung im Wasser und schreckte auf. Er glaubte zu träumen, vor ihm stand Tyrella. Völlig entkleidet, bis zu den Hüften im Wasser. Ihre roten Haare schimmerten in der Abendsonne und bedeckten ihre wohlgeformten Brüste. Der Jäger wusste nicht was er sagen sollte, sein Kinn sackte nach unten und seine Pfeife versank zischend im Wasser. Sie stützte ihre Hände auf ihre Taille „Was starrst du so? Willst du etwa sagen das ich unförmig bin oder zu mager?" fragte sie in einem gespielt beleidigtem Ton. Wallungur fehlten immer noch die Worte. Auf seinem Hintern rutschte er zum Ufer hin. Immer darauf achtend, das sie nur seine Vorderseite sah. Er wollte vermeiden dass sie seinen vernarbten Rücken sah, denn das würde ihn als verbannten entlarven. Dieser Gedanke machte ihm mehr Sorgen, als die Tatsache, dass er immer noch unberührt war. Doch ihr momentanes Verhalten machte deutlich dass sie nichts ahnte. Als der Zwerg das Wasser verlassen hatte, bedeckte er seine Scham mit den Händen und eilte zu seinen Kleidern. Erst jetzt bemerkte Tyrella die Schamesröte im Gesicht des Jägers. Auf ihrem zuvor verständnislosem Gesicht machte sich ein spöttisches Grinsen breit „Soll das bedeuten deine Lanze hat noch nie ein Reh erlegt? Bei Adamas, der wilde Keiler ist noch ein Frischling!!" lachte sie laut und ließ sich mit dem Rücken ins Wasser fallen. Beleidigt und beschämt verschwand Wallungur im Schilf. Er wollte weg und allein sein.


Fortingas hatte Klondieke gezeigt wie man Blumenkränze bindet und sie ihr auf den Kopf gesetzt „Nun fehlen nur noch die die richtigen Ohren." lachte er. „Ich würde sie ihr eigenhändig abschneiden." zischte Tyrella und setzte sich ans Feuer. Während sie in der Glut stocherte fragte sie, wo Wallungur sei. Der Alb zuckte mit den Schultern. „Wenn er nicht vom Fluss fort getragen wurde, legt er sicher Fallen aus. Dabei musste er an seine erste Begegnung mit den Zwergen denken und rieb sich sein Kinn. Bald war die Nacht vollends eingebrochen und die Sichel des Mondes stand hoch am Himmel. Wallungur war noch nicht zurückgekehrt und Tyrella begann sich Sorgen zu machen. Auch der Alb meinte, dass es an der Zeit sei ihn zu suchen. Als er dann fragte wann sie ihn zuletzt gesehen hatte, zog sie das Kind zu sich, hielt ihr die Ohren zu und erzählte was vorgefallen war. Fortingas rollte mit den Augen. „Und du nennst mich grausam und gefühllos? Bleibe du bei Klondieke, ich werde ihn suchen." Er warf sich seine Köcher mit Pfeilen über und nahm seinen Bogen, dann verschwand er in der Dunkelheit.

Wallungur saß unter einer Tanne und drehte sein Jagdmesser zwischen seinen Händen. Es war das Messer mit dem er Swanthe vor dem Mudrok gerettet hatte und es ihr bei ihrem ersten Treffen geschenkt hatte. Ihr Bruder hatte es ihm gegeben nachdem er verletzt und gedemütigt vor den Toren der Festung ausgesetzt worden war. Diese Waffe war das einzige Andenken das er an seine Geliebte hatte. Je mehr er an sie dachte, umso mehr war er überzeugt, dass er an ihrem Tod Schuld war. Hätte er sich geweigert sie weiterhin zu treffen, wäre sie nun mit einem Zwerg vermählt, den ihr Clan ausgesucht hätte. und vielleicht wäre sie sogar glücklich, aber ganz sicher am Leben. Plötzlich schreckte er hoch. Ohne dass er es gemerkt hatte stand Fortingas vor ihm „Hey komm zurück zum Lager. Es ist nicht sicher alleine im Wald." Wallungur nickte. „Hat Tyrella etwas gesagt?"fragte er mit besorgtem Blick. „Nur das sie dich verspottet hat und es scheint ihr Leid zu tun." Mit diesen Worten reichte der Alb dem Zwerg die Hand und half ihm auf die Beine. Wallungur atmete erleichtert auf. Sie hatte seine eindeutigen Narben nicht gesehen.

Als sie das Lager erreicht hatten, nahm Tyrella sie mit erhobenem Kriegshammer in Empfang. Als sie die beiden erkannte ließ sie die Waffe sinken. „Da seid  ihr ja endlich." sagte sie und setzte sich wieder neben Klondieke, die fest eingeschlafen war. Der Alb sagte, dass er die erste Wache übernehmen werde und begann die Umgebung zu sichern. Wallungur hatte sich schweigend auf sein Schlaflager gelegt und dem Feuer den Rücken zugekehrt. Tyrella kniete sich neben ihn und flüsterte ihm etwas in sein Ohr: "Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht verspotten, bitte sei mir nicht mehr Böse." „Ist schon gut." sagte er. Die Zwergin streichelte seine langen Haare und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Sie sah den starken und tapferen Jäger auf seinem Lager liegen. Doch die Tränen die er weinte während er an die Vergangenheit dachte, sah sie nicht.
Raziael/Überarbeitung: Rina Smaragdauge

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