Sonntag, 24. Juni 2012

Die Prophezeiung Kapitel 16 ( zwei Schwestern auf der Flucht)

Urgandel im Hundertneununddreißigsten Mondzyklus nach der Besetzung: Festung der Edelsteinschleifer

Die ganze Festung war in Aufruhr. Wachen mit Piken und Äxten durchsuchten jeden Winkel, doch konnten sie den gesuchten nicht finden. Hogusch, der König ging mit zwei seiner Wachen zu der Behausung von Ogmer Blaubart.

In der Wohnung schien alles normal. Doch unter dem Bett fand einer der Wachen eine Schatulle. Sie enthielt Pergamente und einen Beutel mit Münzen. Es waren Listen, jedoch waren dort keine Gemüsesorten aufgezählt, sondern Waffen. Ein Hornsignal rief den König auf die Palisaden. In der Ferne konnte man einen flüchtenden Zwerg sehen. Auf einen Wink des Königs legte eine Wache seine Armbrust an und schoss, zwei Augenschläge später brach der Flüchtling zusammen.

Zwei Wachen schleiften den Zwerg zurück in die Festung und brachten ihn in den Kerker zum Verhör. Es war Ogmer Blaubart. König Hogusch baute sich drohend vor dem Gefangen auf „Warum befanden sich Waffen auf dem Karren? Was hat der Händler entdeckt, das er dafür sterben musste? Und von wem hast du die Waffen gekauft? Sprich auf der Stelle oder wir brennen dir die Wahrheit aus dem Fleisch heraus!"
Ogmer schaute den König trotzig an „Es ist gleich was ihr mir antut. Es ist nichts im Vergleich dazu was andere mit mir machen würden wenn ich rede." Sagte er tonlos. Der König gab den Wachen ein Zeichen, worauf sie ihm das Kettenhemd und Lederwams auszogen. Sie brachten ihn tiefer in den Berg, es roch nach geschmolzenem Gold und Silber. 

„Nun, du kannst dir das ersparen in dem du uns alles über deine Auftraggeber erzählst!" sagte Hogusch laut um das Hämmern der Goldschmiede zu übertönen. Ogmer schwieg weiterhin. Um ihn ein zu schüchtern drückte eine der Wachen ihm die Spitze seiner Lanze in den Rücken. Dann geschah alles blitzschnell. Ogmer drehte sich, griff den Speer mit beiden Händen und rammte ihn sich in die Brust. „Neiiiin!!!" schrie Hogusch. Doch es war zu spät, die Lanze hatte das Herz getroffen, Ogmer Blaubart war auf der Stelle tot.
König Hogusch fluchte laut: „Verdammter Bastard, nun werden wir nichts mehr erfahren!!!" Er kniete sich neben den Toten und durchsuchte ihn. In einem der Stiefel fand er eine Medaille in der eine albische Rune eingraviert war. Nun begriff er was Ogmer meinte als er sagte: „Es ist gleich was ihr mir antut. Es ist nichts im Vergleich dazu was andere mit mir machen würden wenn ich rede." Hogusch ging in den Thronsaal und ordnete für den Abend eine Versammlung an.

Bei Sonnenuntergang hatten sich die Ältesten, die besten Krieger und die besten Handwerker im Thronsaal eingefunden. Als der König eintrat machten sie eine tiefe Verbeugung und warteten bis er sich gesetzt hatte. Dann setzten auch sie sich an den runden Tisch. Der König berichtete was sich am Morgen zugetragen hatte. Er fragte: „Nun was ist zu tun? Ich erwarte eure Vorschläge!" 

Ein Zwerg mit weißem Bart und Halbglatze sagte: „Er kann die Waffen nur von den Schmieden im Nördlichen Gebirge bekommen haben. Wir sollten dem König einen Boten senden." „Und wenn der König selbst die Waffen verkauft?." fragte eine brünette Zwergin. Hogusch nahm einen großen Schluck aus dem Humpen und schwieg einen Moment. Dann sagte er: „Du hast recht, wir müssen mit dem schlimmsten rechnen. Es sollen sechs Krieger aufbrechen, drei für jedes Zwergenreich. Sendet eine Patrouille aus um die Straßen zu unserer Festung aus zu kundschaften. Bei Einbruch der Nacht sollen die Spione ihre Reise antreten!" Der König schlug mit der Keule auf den marmornen Tisch und löste die Versammlung. 

Nach zwei Stunden kehrte die Patrouille zurück und meldeten nur sehr wenig Feindbewegung. Die sechs freiwilligen Zwerge, darunter Derwie und Arwenie Goldfaust, waren bereit für die Abreise. Arwenie und Derwie, zwei Schwestern die von jedem Clan als Braut abgelehnt wurden weil sie Warzen auf den Händen hatten, schliffen ihre Äxte als König Hogusch zu ihnen sprach und erklärte was ihre Aufgabe war. „Schleicht euch in die Reiche und findet heraus, wer der Verräter ist und wo sich die Schwachstellen befinden. Wendet euch an den König und die Königin wenn ihr sicher seid das sie nichts damit zu tun haben. Kehrt heil wieder nach Hause und zu euren Familien. Möge Adamas über euch wachen."

In der Dämmerung verließen die Krieger die Festung. Beladen mit Rucksäcken und Taschen ließen sie die langen Schluchten und natürlichen Tunnel hinter sich. Im freien Gelände hielten sie sich im hohen Gras. Im Schein der Sterne erreichten sie den Waldrand. Brangus, der Führer der Gruppe, hob eine Hand und alle blieben stehen. „Wir müssen aufpassen und wachsam sein. Haltet die Waffen bereit und achtet auf alles." befahl er und betrat als erster den Wald. Jeweils zu zweit gingen sie in einer Reihe, die Augen auf den Boden und auf die Bäume gerichtet. 

Alles schien sicher und jeder behielt die Umgebung im Auge. Nur Arwenie stieß hin und wieder ihrer Schwester den Stiel der Axt in die Seite, weil sie lustvoll auf das Hinterteil des Zwerges vor ihr starrte. Immer tiefer drangen sie in den Wald hinein, aber hielten sich immer an den Weg. Einer der Zwerge hatte vorgeschlagen sich von dem Weg ab zu wenden und im Schutz der Sträucher weiter zu gehen. Doch Brangus wollte nichts davon wissen. Der Pfad war der direkte Weg durch den Wald und er wollte nicht länger als nötig in dem unübersichtlichen Gelände  bleiben. Schweigend setzten sie ihren Weg fort, bei jedem unbekanntem Geräusch verharrten sie mit erhobenen Waffen auf der Stelle. Als sie die Hälfte des Wegs geschafft hatten, gab Brangus den Befehl zum Rasten. Wieder meinte jemand, dass es sicherer wäre einen geeigneten Lagerplatz zu suchen. Mit drohender Faust machte Brangus ihm deutlich, das er der Anführer sei und keine Widerworte noch Belehrungen duldete. Die Zwerge setzten sich im Kreis auf die Erde und packten ihren Proviant aus.

Als Brangus befahl ein Feuer zu machen, meuterte die ganze Gruppe. „Hast du einen Rubin im Schädel?" fauchte Derwie. „Erst sagst du wir sollen leise und unauffällig sein und nun willst du ein Feuer das Meilenweit zu sehen ist? Ich sehe genug, ich brauche kein Feuer!" Leise stimmten die anderen ihr zu. Brangus bekam einen roten Kopf, suchte einige trockene Zweige zusammen und legte sie in die Mitte des Kreises. „Ich bin der Anführer und ich sage was gemacht wird!" brummte er grimmig und holte seinen Feuerstein heraus. Er hatte sich nicht ganz auf den Boden gekniet, als etwas die Luft durchschnitt und der Zwerg sich aufbäumte. Ein Pfeil hatte seinen Hals durchbohrt, gurgelnd sank er zu Boden.

Einen Wimpernschlag später kamen Söldner hinter den Bäumen hervor und stürmten auf die Gruppe zu. Sofort sprangen die Zwerge auf, zogen die Waffen und bauten sich Rücken an rücken auf. Die Zwerge wehrten sich verbissen, doch die Söldner waren in der Überzahl und schossen ihre Pfeile aus den Baumkronen heraus. Plötzlich schrie Arwenie auf, ein Pfeil hatte ihren Oberarm getroffen und ein anderer ihr Bein. Derwie fuhr herum und konnte noch den Schwerthieb eines Söldners abwehren. Sie schlug ihm mit ihrem Kriegshammer gegen das Knie, der Mann schrie auf und knickte ein. Derwie zögerte nicht, sie nahm Schwung und ließ den Hammer auf den Kopf des Angreifers fallen und zertrümmerte diesen.

Derwie zog die Pfeile aus dem Körper ihrer Schwester und sah sich um, der Kampf war verloren. Sie legte sich ihre Schwester über die Schulter und rannte los. Sie wusste nicht wohin, nur weg von hier. Immer wieder wechselte sie die Richtung um mögliche Verfolger in die Irre zu führen. Ihre Beine brannten und sie wurde von Seitenstechen gepeinigt, doch sie rannte immer weiter. Dann plötzlich hatte ihre Flucht ein Ende. Ein dicht gewebtes Netz wurde auf die Schwestern geworfen und brachte sie zu fall. Derwie versuchte sich aus der Falle zu befreien, doch die Stricke waren zu stark. Jemand trat sie in die Rippen und nahm ihr die Luft zum atmen. Nach Luft schnappend schaute sich um und sah in das zierliche Gesicht eines Alb. Seine roten Augen schauten höhnisch auf sie herab. Derwie wollte in beschimpfen, doch dann spürte sie einen harten Schlag auf den Kopf und verlor das Bewusstsein.

Derwie wurde durch hartes Rempeln aufgeweckt, ihr Kopf schmerzte fürchterlich und machte ein klares Denken nicht möglich. „Adamas sei Dank, du lebst noch." hörte sie Arwenie sagen. Derwie versuchte sich zu erinnern was geschehen war, doch je mehr sie versuchte zu denken umso schlimmer schmerzte ihr Kopf. Sie schaute zur Seite und sah in das Gesicht ihrer Schwester, das von Schrammen gezeichnet war. „Wo sind wir?" fragte Derwie. „Sie haben uns gefangen und in das Lager der Söldner gebracht." Derwie fragte was mit ihrem Gesicht passiert sei. „Weil ich durch mein verletztes Bein nicht laufen konnte haben sie mich auf dem Boden mit geschliffen. Dich habe ich auf mich gezogen, sonst würdest du auch so aussehen." erwiderte Arwenie und versuchte zu lächeln. Auf die Frage was mit ihren Verletzungen sei, antwortete Arwenie: „Einer der Nachtalben hat sie verbunden, aber nicht gereinigt,. Ich fürchte das ich Wundbrand bekomme."  Sie schwiegen eine Zeitlang, dann sagte Derwie: „Sie haben etwas mit uns vor, sonst hätten sie uns schon lange die Kehlen aufgeschlitzt. Sobald sich eine Gelegenheit ergibt verschwinden wir, töten werden sie uns so oder so."

Es wurde still im Lager, die Söldner und Albe hatten sich um das Feuer herum schlafen gelegt. Bald war außer den Wachen niemand mehr wach. Derwie hatte seit ihrem Erwachen versucht ihre Fesseln zu lockern, doch sie schaffte es nicht die komplizierten Knoten zu lösen. Plötzlich waren schlürfende Schritte zu hören und eine Gestalt kam auf die beiden Frauen zu getorkelt, es war einer der Söldner. Als er sich bis auf zwei Schritt den Schwestern genähert hatte, blieb er schwankend stehen. In seiner rechten Hand hielt er einen Lederschlauch und der Geruch der den Zwerginnen vom Wind zugetragen wurde, ließ erahnen das es sich nicht um Wasser handelte.

„Ich soll euch bewachen." lallte er und schaute gierig auf die Frauen herab. Dann machte er einen weiteren Schritt auf die beiden zu. „So sehen also Zwergenweiber aus, ziemlich hässlich, aber gut gebaut." sagte er und nahm einen langen Schluck aus dem Lederschlauch. „Ist das alles echt oder ist das nur Rüstung?" sagte er und grinste dreckig. Derwie streckte ihre Brüste vor „Warum schaust du nicht selbst nach?" bot sie mit einem verschmitzten Lächeln an. Arwenie schaute ihre Schwester schockiert an und versuchte zu ergründen was sie vorhatte. Der Mann kniet sich über Derwenies ausgestreckte Beine. Er streckte die Hand aus und begann sie anzufassen. Arwenie musste würgen bei dem Anblick. Dann, blitzschnell, ließ sich Derwie auf die Seite fallen, zog die Beine an, holte aus und trat dem Mann in seine Weichteile. Der Söldner grunzte schmerzvoll auf und hielt sich die Leiste. Arwenie, die sofort begriffen hatte was der Plan war, stemmte sich hoch, warf sich gegen den Mann und brachte ihn zu Fall. Derwie legte sich mit ihrem ganzen Gewicht auf seinen Rücken um ihn am Boden zu halten. Arwenie setzte sich auf seinen Kopf und drückte sein Gesicht in den weichen Waldboden.

Der Mann wimmerte und versuchte sich zu befreien, doch der Alkohol hatte ihm Kraft und die Kontrolle über seinen Bewegungen genommen. Bald war das Rudern der Arme nur noch ein Zucken und der Söldner endlich in der weichen Erde erstickt. Derwie zog einen Dolch aus dem Gürtel des Toten und zerschnitt ihre Fessel und befreite auch Arwenie. Zusammen schlichen sie zu den Pferden, die unbewacht waren. An einem Baum fanden sie einen leeren Weinschlauch. „Von wegen uns bewachen. Der wollte sich nur kurz vergnügen." sagte Arwenie und spuckte aus. Derwie band das kleinste Pferd das sie finden konnte los und führte es mit sich, außerdem nahm sie ein Seil und Zaumzeug mit. 

Als sie sicher war, das sie weit genug vom Lager entfernt waren, zog sie ihre Lederhose aus und schnitt diese mit dem Dolch des Söldners in Fetzen. Sie band die Lederstücke um die Hufe des Pferdes um keine Spuren zu hinterlassen. Als sie damit fertig war, führte sie das Tier zu einem umgefallenen Baum. Sie kletterte auf das morsche Holz und legte dem Tier das Zaumzeug an. Das eine Ende des Seiles band sie um die Hüfte ihrer Schwester, das andere Ende warf sie über den Rücken des Pferdes. Sie ging um das Tier herum und zog Arwenie auf das Pferd. Dann half Arwenie ihrer Schwester auf das Tier zu steigen.

Als die beiden Zwerginnen auf dem Pferd saßen, nahm Derwie die Zügel. Doch dann hielt sie inne. „Wie reitet man eigentlich?" fragte sie kleinlaut. Arwenie dachte kurz nach, dann sagte sie: „Ich habe mal gesehen das die Menschen den Pferden auf den Hintern schlagen." Mit diesen Worten nahm sie den Dolch und schlug dem Pferd in die Flanke. Der Gaul wieherte kurz auf und galoppierte los. Derwie hatte die Zügel vor Schreck losgelassen und klammerte sich an den Hals des Tieres, Arwenie klammerte sich an ihre Schwester. Den beiden Frauen war zum Schreien zumute und es kostete sie viel Kraft es nicht zu tun. Wild und außer Kontrolle trabte das Pferd mit den Zwerginnen in die Dunkelheit.
Raziael/Überarbeitung: Rina Smaragdauge
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