Sonntag, 1. April 2012

Die Prophzeiung Kapitel4 ( Das Erbe des Vaters)

Urgandel im Hundertfünfunddreißigsten Mondzyklus nach der Besetzung: Hauptstadt Pistrana, Neumond

Fortingas legte sich die Lederrüstung an und schaute im mannshohen Spiegel ob alles saß. Dann band er den Gürtel mit den zwei Kurzschwertern die über dem Steißbein, übereinander gekreuzt, am Lederriemen befestigt waren. Den Bogen ließ er im Waffenschrank. Er hatte heute Wache im Kerker, einen Dienst den er seit einiger Zeit mit Widerwillen antrat. Der junge Alb war nun dreihundertfünfundzwanzig  Monde alt, das waren fünfundzwanzig Sommer, doch vor zehn Monden hatte sich in ihm etwas verändert.

Er wusste nicht was es war und welchen Namen das ganze hatte. Aber er war sich sicher dass es nichts Gutes sein konnte denn, die anderen Nachtalben hatten es nicht. Die Nacht war klar und der Himmel schwarz. Fortingas überquerte die Straße und hielt auf den Palast zu. Früher lebte dort der König der Menschen, nun herrschte dort der oberste Alb. Die Wachen ließen ihn anstandslos passieren. Auf dem Vorhof war lautes Geschrei zu vernehmen, Calister Pouè Pas der Herrscher ließ hungrige Menschen mit Hunden um Essen kämpfen. Seine Elite Krieger standen um die Arena herum und schlossen Wetten ab.

Fortingas schlug den Weg zum Kerker ein, dort zwischen faulenden Leibern und dem Gestank von Exkrementen würde er bis zum Ende der Nacht bleiben müssen. Er selbst war auch für die Elitetruppe vorgeschlagen worden doch seit dem Vorfall in Urlandis war er aus der Liste gestrichen worden. Der Junge Alb versuchte das alles zu verdrängen, als plötzlich ein Schrei an sein Ohr drang. Es war der Hilferuf eines jungen Mädchens. Der Schrei war untermalt von dem Zähne fletschen der Hunde und dem jubeln der Soldaten. 

Der schrille Klang brannte sich in seinem Kopf fest, tief in seinem Innern schmerzte es und etwas drängte ihn dorthin zu gehen und dem ganzen ein Ende zu setzen. Fortingas hielt sich die Ohren und rannte in den Kerker. Der Geruch war nun egal, alles war besser als diesem Massaker zu lauschen. Als er nichts mehr von dem schrecklichen Schauspiel hören konnte lehnte er sich an eine Mauer. Immer noch klang der Schrei in seinem Kopf, sein Herz ging schwer und schmerzte auf eine unbekannte Art. Fortingas versuchte sich zu beruhigen als der nächste schreck ihn überfiel, seine Augen fühlten merkwürdig an. Er musste blinzeln, es fühlte sich an als hätte sich Schmutz in den Augenhöhlen angesammelt. Der Alb rieb sich die Augen und musste erkennen dass es kein schmutz war. Wasser, aus seinen Augen tropfte Wasser. Sobald die Wache vorbei war würde er sich seiner Mutter anvertrauen, sie wusste auf alles einen rat. 

Als Fortingas seinen Wachdienst beendet hatte ging er zu der Unterkunft seiner Mutter. Ihr Haus lag am Rande der Stadtmauer. Ohne sich anzumelden betrat er die Behausung, aus dem hinteren Teil des Hauses erklang Musik. Er folgte der Melodie und fand seine Mutter in einem verdunkelten Raum. Mit steigendem Alter wurden Nachtalben immer empfindlicher gegen das Licht der Sonne. Sie spielte auf einer Knochenharfe. Das Instrument war gefertigt aus menschlichen Knochen, die kunstvoll verziert waren. Die Klänge die seine Mutter spielte waren hypnotisierend und schienen nicht von dieser Welt zu sein. 

Sie schien ihren Sohn nicht bemerkt zu haben und setzte ihr Spiel fort. Schließlich sprach er sie an: „Ich grüße dich Tenebris So'no." Er sank auf ein Knie und senkte den Kopf. Tenebris hielt mit der Musik inne und legte ihm die Hand auf. „Ich grüße dich mein Sohn. Trinke einen Tee mit mir und erzähle mir den Grund deines Besuches." Fortingas wusste nicht wie alt seine Mutter war, doch sie war Schön und Anmutig wie eh und je. Ein Diener brachte ein Tablett mit dampfenden Tee. Fortingas nahm einen Schluck von dem heißen Gebräu und berichtete was in der Nacht über ihn gekommen war.

Tenebris hörte sich alles an und es schien sie weder zu erschrecken noch beunruhigte es sie. Als Fortingas seine Erzählung beendet hatte erhob sie sich von ihrem Stuhl. Sie ging zu dem Waffenständer und nahm eines ihrer Schwerter. 

Sie reichte es ihrem Sohn und setzte sich wieder. „Was ich dir nun sage wird dich vielleicht erschrecken. Solltest du dann den Wunsch verspüren mich zu Töten, werde ich mein Schicksal akzeptieren. Doch gewähre mir dir alles zu berichten." Sie nahm einen Schluck Tee und begann zu erzählen:

„Als wir gegen die Menschen zogen wurde ich verletzt. Dem Tode nah versuchte ich einen Gegner zu finden um nicht am Blutverlust zu sterben wie ein angeschossenes Jagdwild. Es war ein Mensch, ein Mann, der mich fand. Ich war zu geschwächt um Widerstand zu leisten. Als ich wieder zu Kräften kam befand ich mich in seiner Hütte. Er hatte meine Wunden gereinigt und versorgt. Ich sagte ihm,  dass es besser sei mich zu töten, denn anders würde ich ihn erschlagen. Er schaute mich nur an und meinte das sein Glaube und die Menschlichkeit ihm befahl ein jedes Leben zu retten und sei es noch so gering und böse.

Am Anfang wollte ich ihm auch sein Leben nehmen, doch er machte mich neugierig und irgendwann waren wir uns so nahe gekommen das wir uns vereinigten. Was er mir zeigte war anders als das was Nachtalben mit Frauen tun. Er ließ meinen Leib erbeben und ich konnte nicht genug davon bekommen. Ich wusste keinen Namen für diese Empfindungen, er nannte es Liebe. 

Der Krieg rückte immer näher und die Nachtalben breiteten ihre Herrschaft vor. Sie durchkämmten das Land auf der Suche nach Rebellen und schließlich fanden sie auch uns. Ich flehte ihn an zu Fliehen. Ich wusste was mich erwarten würde, ein Nachtalb zusammen in einer Hütte mit einem lebenden Menschen, wäre mein Tod gewesen. Doch er schaute mich nur an und sagte: „Das größte Opfer der Liebe ist für den anderen zu sterben." Daraufhin küsste er mich und warf sich in mein Schwert. Zu spät merkte ich dass die Liebe mit ihm einen keim in meinem Leib hinterlassen hatte.

Ich hatte vor dich im Fluss zu ersäufen, doch als du geboren warst brachte ich es nicht übers Herz und als deine Züge immer mehr einem Alben glichen wagte ich es dich großzuziehen. Doch nun scheint das Erbe deines Vaters erwacht zu sein."


Fortingas hatte schweigend den Worten seiner Mutter gelauscht. Dann sprang er auf, das Schwert mit beiden Händen umfassend holt er zum Schlag aus. Tenebris saß regungslos in ihrem Stuhl. In ihren Augen spiegelte sich keine Furcht noch die Bereitschaft sich zu verteidigen. Sie schaute ihn nur an. „Tu was du tun musst, doch werde ich immer deine Mutter bleiben und dich lieben." flüsterte sie und schloss die mandelförmigen Augen. Er holte erneut zum Schlag aus doch er zögerte. „Was soll ich nur tun?" Schrie er und schleuderte das Schwert auf den Boden.

Tenebris erhob sich und schloss ihren Sohn in ihre Arme. „Fliehe Fortingas, gehe in den Süden dort kannst du mit einem der Schiffe Urgandel verlassen, Fliehe mein Sohn! wenn Calister hinter dein Geheimnis kommt ist dein Tod gewiss" Flüsterte sie in sein Ohr. Fortingas wusste das Tenebris Recht hatte. Sollte jemand erfahren, das er der Bastard eines Menschen ist wäre es nicht nur sein Tod sondern auch der seiner Mutter. Er drückte sie fest an sich. „Ich werde gehen, aber ich komme wieder und hole dich." 

Tenebris gab ihm einen Langbogen und einen vollen Köcher mit Pfeilen, dann reichte sie ihm einen Beutel mit Münzen. „Nun geh und nutze den Tag, sie haben nicht deine Augen und können dich nur in der Nacht jagen."
Tenebris küsste ihren Sohn ein letztes Mal bevor sie ihn aus ihren Armen entließ.
Raziael/Überarbeitung Rina Smaragdauge

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