Sonntag, 8. April 2012

Die Prophezeiung Kapitel 5 ( Der geheimnisvolle Gefangene)

Urgandel im Hundertfünfunddreißigsten Mondzyklus nach der Besetzung: Hauptstadt Pistrana, Kerker


Die Magd lief die grobe Steintreppe herab, in ihren Händen trug sie eine Schale mit dampfendem Haferbrei. Die Hitze drang bis an ihre Handflächen, weshalb sie zwischendurch pausierte und den Händen etwas Abkühlung gönnte. Gern hätte sie über die Arbeit die sie verrichtete geklagt, doch das war ihr nicht möglich, denn sie war stumm. Das Lesen und Schreiben hatte sie nie gelernt, doch in diesen schlimmen Zeiten und der momentanen Lage in der sich Urgandel befand waren dies die besten Eigenschaften für ein langes Leben. Was sie sah und hörte konnte sie nicht weiter erzählen.

Die Magd nahm die heiße Schale wieder auf und setzte ihren Weg fort. Am Ende der Treppe hielt sie sich links um einen Gang zu erreichen an dessen Ende sich nur eine einzige Zelle befand. Zwei Alben, ein Mann und eine Frau, die Wache hielten versperrten ihr den Weg. Es war immer dieselbe Prozedur. Einer der Wachen untersuchte das Essen, der andere durchsuchte sie. Früher hatte sie sich geschämt und wurde rot wenn die Wachen ihr unter den Rock geschaut hatten, doch nun nach fünfundsechzig Mondzyklen war es nur noch Routine, jede Gegenwehr würde ohnehin mit dem Tod bestraft werden.

Die schwere Eichentür wurde aufgeschlossen und sie trat ein. Es roch nach Urin und nach Kot. Der Insasse war ein Mensch doch als solchen konnte man das Wesen nicht mehr bezeichnen. Die Haare waren verfilzt und nie geschnitten worden. Um die Schultern und den Bauch war es mit Ketten an die Mauer gefesselt und lies nur wenig Bewegung zu. Es gab nur ein kleines Fenster in der Zelle damit Luft herein kam und eine Schlafpritsche die mit fauligem Stroh gedeckt war. Die Magd kniet sich auf den kalten Boden und begann es zu füttern. Immer wieder füllte sie den Löffel, pustete kurz darüber und schob den Löffel in den Mund, der sich wie mechanisch öffnete.

Die Wachen tuschelten miteinander. Die Albin sprach mit aufreizender Stimme eindringlich auf den Mann ein. Sie kamen in die Zelle, schauten auf die noch halbvolle Schale und entfernten sich rasch. Sicher um sich miteinander zu vergnügen. Als die Schüssel leer war, waren die Wachen noch nicht zurück. Die Magd hatte Mitleid. Sie versuchte etwas Freundlichkeit zu zeigen obwohl ihr das strengstens verboten war. Doch was nicht gesehen wurde, konnte nicht bestraft werden. Sie massierte die Hände und streichelte die Wangen, doch die Augen ihres Gegenübers blieben teilnahmslos. 

Plötzlich erklangen Schritte und Stimmen waren zu hören. Doch es waren nicht die Wachen, es war Calister Pouè Pas, der oberste Alb. Was sollte sie nun tun? Ihre Aufgabe war das Essen zu bringen und dann sofort wieder zu gehen. Aber die Reste am Rand der schale war schon angetrocknet. Der Herrscher kam immer näher. In ihrer Not versteckte sich die Magd unter der Pritsche. Der Gestank raubte ihr den Atem und sie musste würgen. Die Frau legte ihr Gesicht in die Schale der Geruch von Haferbrei dämpfte das Bedürfnis sich zu übergeben. Jemand betrat die Zelle, die Magd konnte nur die Füße sehen, doch an den Stimmen erkannte sie dass es Calister war in Begleitung von drei anderen Nachtalben. „Wo sind die Wachen?!" schrie er. Augenblicklich kamen der Alb und die Albin in die Zelle gerannt. Das Geräusch von Leder das gespannt wurde ließ erahnen dass sie sich ankleideten.
Ohrfeigen wurden ausgeteilt, dann verließen die Wachen die Zelle. Nur Calister und die drei Alben blieben in der Zelle. 

„Wie lange wollt ihr das Balg noch füttern Herr, oder schenkt ihr dem Geschwätz der menschlichen Priester glauben?" Die Stimme gehörte einer Frau. Doch die Magd konnte ihr keinen Namen geben und was meinte sie mit Geschwätz? Spielte sie auf die Prophezeiung an, die nach der Übernahme des Landes durch die Nachtalben von einer Priesterin des Perros ausgesprochen wurde?
Die Magd erinnerte sich:
 * Die Blutlinie des Königs wird nicht enden, um Gnade flehen werden die Tyrannen unter dem Beil der Befreier* 
   
Sie wusste auch dass vielen Teilen des Landes sich Sektengruppen organisiert hatten und auf den Erlöser warteten. Jedoch war König Brunda und seine Frau Fabiola von den Alben ermordet worden, aber es gab Gerüchte das sein Bruder Duras seine Hände im Spiel gehabt haben soll. Duras lebte nun in Burinda, er kontrollierte den Hafen und beutete mit den Adligen das Volk aus.  

„Nun ich glaube nicht an die Prophezeiung, doch bedenke welche Verluste wir im Kampf gegen die Zwerge einstecken mussten. Jeder Alb der es auf die Festungsmauer schaffte wurde in kleinen Stücken zurück geschickt!" Calister machte einen Schritt auf den in Ketten geschlagenen Menschen zu. „Wenn ihr Schoss das erste Mal sein Blut freigibt wird sie mir zu Willen sein und Nachwuchs schenken. Ich werde die Prophezeiung durchkreuzten und meinen eignen Spross mit königlichem Blut auf den Thron setzen!" 
Calister und seine Begleiter verließen die Zelle und die Tür wurde geschlossen und der Riegel fiel in die Halterung. Die Magd kroch unter der Pritsche hervor und dachte angestrengt nach. Als der König Tod war hatte Duras den Thron bestiegen und vor den Alben kapituliert. Brunda war in allen Ehren Bestattet worden. Doch was war mit Fabiola? Sie wurde neben ihrem Gatten begraben jedoch der Sarg wurde nicht für das Volk geöffnet.

War es möglich dass die Königin ein Kind erwartete? Hat sie das Kind geboren? Sie riss den Kopf herum und schaute das Mitleid erweckende Wesen an das dort in Ketten lag. *Wenn es so ist muss ich etwas unternehmen*  dachte sie. Die Magd lauschte an der Zellentür, es war nichts zu hören. Der Riegel war so angebracht dass er von innen mit der Hand betätigt werden konnte. Von außen musste ein Strick gezogen werden um den Riegel zu heben. Die Wachen waren nicht zu sehen: sicher hatten sie sich in ihr Versteck zurückgezogen.

Die Magd verlies den Kerker und lief zum Schmied, sie brauchte eine Feile oder anderes Werkzeug mit dem man Ketten lösen konnte. Bei jeder Fütterung würde sie versuchen die Fesseln etwas mehr zu schwächen und die erste Gelegenheit nutzen um den Nachkommen des Königs aus der Stadt zu schaffen und wenn es ihr Leben koste.

Raziael/Überarbeitung: Rina Smaragdauge

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