Sonntag, 15. April 2012

Die Prophezeiung Kapitel 6 ( Die Verbannung)

Urgandel im Hundertsiebenunddreißigsten Mondzyklus nach der Besetzung: Östliches Gebirge, Festung der Jäger

Wallungur und Swanthe trafen sich regelmäßig in den Gärten. Dies geschah in aller Heimlichkeit denn ihre Familien durften nichts davon erfahren. Der Schatten einer Fehde zwischen den Clans machte eine offene Liebeserklärung unmöglich. Die Zwergin konnte nicht immer zu diesen Treffen kommen, denn ihr Clan zählte nicht zu den erfolgreichen Jägern im Gebirge und sie mussten oft zusätzlich Knollen und Wurzeln im Wald sammeln. Wallungur hinterließ dann immer eine aus Fellen gemachte Puppe, damit Swanthe wusste das er an sie dachte. 

Zwischen den beiden war es nie zu  mehr gekommen als ein Kuss auf die Wange und Händchenhalten. Swanthe und Wallungur waren noch unberührt und er hatte auch nie darauf  bestanden einen Schritt weiter zu gehen. Einmal hatte er davon gesprochen, dass sie sich das Treuegelöbnis geben sollten. Swanthe war bei dem Gedanken kreidebleich geworden. „Mein Vater würde dem niemals zustimmen, eher würde er mich erschlagen!!" hatte sie gesagt.

Wallungur wartete bereits in den Gärten und hatte sich in der dunklen Nische versteckt. Heute wollte er ihr seine Idee erzählen und wenn sie einverstanden, war sollte ihrem Glück nichts mehr im Wege stehen. Kein Clan und keine Fehde. Er hatte schon vor die Puppe unter einen Stein zu legen, da hörte er schnelle Schritte. Swanthe drückte sich in den Spalt in der Wand und gab ihm einen Kuss auf den staubigen Bart. „Tut mir leid dass ich so spät bin, aber ich musste erst die Kastanien aus den Schalen pellen!" keuchte sie und gab ihm noch einen Kuss.

Er küsste sie ebenfalls auf die Wange und drückte sie fest an sich. Swanthe mochte diese Momente, wenn er seine starken Arme um sie legte. Das gab ihr ein Gefühl der Sicherheit, als wenn nichts und niemand ihr etwas anhaben konnte. „Ich habe dir etwas zu sagen!" flüsterte Wallungur leise in ihr Ohr. Sie hob den Kopf, nickte und Wallungur begann zu erzählen. „Wir könnte den Treueeid ablegen und das Östliche Gebirge verlassen, wir können in den Norden gehen zu den Schmieden. Dort könnten wir Jagen und aus den Häuten Leder machen, das lässt sich gut verkaufen!" Swanthe schaute ihn ernst an. „Du würdest alles aufgeben? Nur für mich?!" Der Zwerg nickte, sie presste sich noch enger an ihn. „ich will Wallungur Fuchstöter, Ich will deine Gefährtin sein!" Während sie dies sagte rannen Tränen der Freude über ihr Gesicht.

Er nahm ihren Kopf in beide Hände und schaute ihr tief in die braunen Augen. „Dann lass es uns tun, jetzt. Ich habe mit einem Heiligen gesprochen er wird uns den Eid abnehmen und noch heute Nacht lassen wir die Festung der Jäger hinter uns!!" Sie nickte und gemeinsam liefen sie zum Tempel des Jared. Als die heimliche Zeremonie beendet war und sich beide gerührt das Treueversprechen gegeben hatten, sagte er: „Wenn es Nacht ist treffen wir uns in den Gärten, ich kenne einen geheimen Weg aus der Festung!" Danach trennten sie sich.  

Die Zeit verging Wallungur viel zu langsam, auch wenn er genug zu tun hatte. Er besorgte Proviant, genug Wasser und Fallen. Er packte zwei Rucksäcke, ein für Swanthe und einen für sich. In ihre Tasche legte er noch eine Überraschung: Stiefel und Handschuhe aus dem Fell des Mudrok den er mit dem Beil erschlagen hatte, denn im Norden konnte es Kalt werden. Dann war es soweit. Er lief die Stollen entlang die zu den Gärten führten. Doch als er sein Ziel erreichte, überkam ihn ein schlechtes Gefühl: es waren zu viele Zwerge anwesend. Um diese Zeit des Tages war normal niemand mehr bei der Arbeit und nun standen an die zwanzig Zwerge und Zwerginnen um etwas herum und redeten wild durcheinander. 

Wallungur lief schneller. Die Fallen in der Tasche klapperten und sein Kettenhemd klingelte bei jedem Schritt. Er zwängte sich durch die Menge und blieb wie versteinert stehen. Auf dem mit Pilzen bepflanzten Boden lag Swanthe, ihr Kopf war von einem Kriegshammer zertrümmert worden. Wallungur sank auf die Knie, die mit Tränen gefüllten Augen waren auf seine Geliebte gerichtet. „Nein, nein, das darf nicht sein! Swanthe sag etwas… ich habe ein Geschenk für dich." wimmerte er. Der Zwerg griff in den Rucksack, holte die Handschuhe hervor und streifte sie Swanthe über. Er nahm die Zwergin in die Arme, Tränen rannen über sein Gesicht und sickerten in den Bart.

Einer der anwesenden Zwerge sagte, dass niemand wüsste was geschehen war. Einer der Gärtner hatte sie tot aufgefunden. Wallungur schaute sich um und sah unter einem der Pilze etwas Glitzern. Er griff danach und erkannte, dass es sich um ein Medaillon handelte wie es Clanführer trugen. Doch es war nicht der Clan den er erwartete. Die Runen beschrieben den Clan der Breitrücken und der Besitzer des Anhängers war Rolas Breitrücken, der Oheim seiner Mutter. Wallungur hob Swanthe auf seine Arme und nahm sie mit sich. Sein Weg führte ihn zu den Hallen seines Clans. Aus dem mit Fellen behangenen Eingang drang lautes Gelächter. Als Wallungur die Halle betrat wurde es augenblicklich still. Er ging geradewegs auf Rolas zu und legte Swanthe vor ihm auf den Tisch. Seine von Trauer geröteten Augen waren auf den Clanführer gerichtet. Wallungur wollte seine Stimme erheben als Bringas Grossohr vor Wut keuchend in den Raum eindrang und mit ihm der gesamte Clan. Alle waren Bewaffnet und bereit zum Kampf. „Wo ist meine Tochter?!" brüllte Swanthes Vater.

Ohne den Blick von Rolas abzuwenden sprach Wallungur: „ Bringas, wenn es dich verlangt mich zu richten, dann sollst und deine Rache haben. Doch erst gönne mir die meine!!!" Die Mutter von Swanthe begann zu schreien und lief zu ihrer Tochter. Wallungur richtete sein Beil auf den Oheim seiner Mutter. „Rolas Breitrücken, du hast mein Weib ermordet. Ich fordere Vergeltung, ich fordere dich zum Zweikampf bis zum Tod!!" Osander, Wallungurs Vater, wollte seinen Sohn aufhalten. Doch er fegte den betagten Zwerg einfach zur Seite. 

„Halt, legt sofort die Waffen nieder!!!" dröhnte eine raue Stimme durch die Halle. Es war Burkhas Bärenschlag, der König ein stämmiger Zwerg von hundertfünfzig Sommern. Jemand musste ihn gerufen haben. In Begleitung von Wachen trat er zwischen Wallungur und Rolas. Er trug ein glänzendes Kettenhemd, um die Schultern hatte er einen Umhang aus Bärenfell der bis zu den Knien reichte und sein Zepter war eine aus Gold geschmiedete Jagdlanze. Burkhas sah Swanthe leblos auf dem Tisch liegen und fragte: „Wer hat dem armen Kind das Leben genommen? Sprecht und zwar auf der Stelle!!" Wallungur zeigte mit dem Beil auf Rolas. „Der da war es, er hat meine Gefährtin getötet!"

Rolas fuhr auf. „Alles erlogen, niemals würde ich meine Waffe mit dem Blut von einem Grossohr beschmutzen." Wallungur holte das Medaillon hervor und warf es dem Clanführer vor die Füße. „Dann sage mir wie das neben ihrer Leiche liegen konnte!!" Burkhas untersuchte den Kopf der toten Zwergin: sie war von hinten erschlagen worden. Dann ging er zu Rolas und riss ihm den Kriegshammer aus der Hand. An der Waffe klebte getrocknetes Blut und in den Kerben die mit der Zeit entstanden waren hingen braune Haare.
Burkhas schaute Rolas in die Augen und Fragte: „Nun Rolas Breitrücken? Was hast du dazu sagen?" Rolas zeigte auf  Bringas. „Die Grossohren sind Feinde der Breitrücken seit dreizehnhundert Mondzyklen das Weib wollte einen unserer Jünglinge zum Bösen verleiten!!", „Lüge, dieser Bastard hat meine Swanthe entehrt!" rief nun Bringas.

„Schluss!!!" fuhr der König dazwischen und wendete sich an Wallungur. „Junge schau mich an und sage mir die Wahrheit, war sie deine Gefährtin und habt ihr die Ehe ohne die Zustimmung der Clans vollzogen?" Wallungur erzählte von dem Heiligen im Tempel des Jared und dem Plan das Östliche Gebirge zu verlassen, doch die Ehe vollziehen wollten sie erst wenn kein Streit oder Fehde sie je wieder trennen konnte. Burkhas schaute zu Rolas. „Nun Rolas Breitrücken! Du hast die Zwergin erschlagen, nun Stelle dich ihrem Gefährten der dich mit dem Recht der Vergeltung herausfordert!" Der König warf dem Clanführer den Kriegshammer zu. Rolas fing die Waffe auf, schaute aber Hilfe suchend abwechselnd zum König und zu seinen Clanmitgliedern. „Was ist wenn ich mich weigere gegen ein Clanmitglied zu kämpfen?" fragte er hoffnungsvoll.

„Dann wirst du kampflos sterben!" rief Wallungur aufgebracht und griff Rolas an. Der Clanführer wehrte den Schlag ab, was ihn aber viel Kraft kostete. Rolas war nicht in der Lage einen Ausfall zu machen. Immer wieder schlugen der Axtkopf oder der lange Griff auf ihn nieder. Dann gelang es ihm einen von Wallungurs Angriffen auszuweichen und schlug zu. Der Jäger reagierte schnell und blockte den Schlag. Die Köpfe der beiden Waffen verhakten sich. Wallungur zog an seinem Beil und brachte Rolas aus dem Gleichgewicht. Dieser taumelte auf den Jäger zu und bekam dessen Faust ins Gesicht. Blut spritze, der Schlag hatte die Nase zertrümmert und trieb Rolas Tränen in die Augen. Wallungur schlug erneut zu und knirschend brach das Jochbein. Der Clanführer ließ benommen die Arme sinken. Wallungur ließ sein Beil fallen, griff nach dem Kriegshammer und tötete Rolas mit dessen eigner Waffe.

Wallungur keuchte, aus dem Mund tropfte Speichel, verteilte sich auf dem braunen Bart und ließ ihn wie einen tollwütigen Hund aussehen. Er ging zu Swanthe und gab ihr einen Kuss. „Dein Tod ist gerächt, ich werde bald bei dir sein!" flüsterte er leise. Dann ging er zu Bringas und kniete sich vor ihn. „Nun sollst du deine Rache bekommen!" Bringas schaute zu seiner toten Tochter und dann zu Wallungur. „Nein ich werde dir nicht deinen Wunsch erfüllen!" sagte er voller Hass. „Ich verfluche dich Wallungur Breitrücken, ich verfluche dich zu ewigem Leben. Möge Jared dir jede Erinnerung an Swanthe nehmen und die Trauer in deinem Herzen zurück lassen. Mögest du dich grämen und in ewiger Schuld leben!!" Während er die Worte sprach hatte er Daumen, zeige und Mittelfinger zu einer Kralle geformt und auf Wallungur gerichtet.
Der König schlug mit seiner Lanze auf den Boden. „Du hast deine Rache bekommen, doch du hast dich über die Gesetze deines Clans hinweggesetzt. Weil noch kein neuer Clanführer gewählt wurde, werde ich das Urteil sprechen. Wallungur Breitrücken, du wirst die Dornengasse beschreiten und  aus dem Östlichen Gebirge verbannt. Solltest du dich dennoch fünfzig Schritt der Festung nähern wirst du getötet."

Dem Jäger wurde alles weggenommen. Völlig entkleidet wurde er in eine Halle geführt. In dem Raum brannten nur einige Kerzen, auf einem Feuer stand ein großer Kessel mit heißem Öl und darin köchelten die Äste des Weißdorns. Der König schlug die Lanze auf den Marmorboden und jedes Clanmitglied der Breitrücken nahm einen Ast aus der blubbernden Flüssigkeit. Dann bildeten sie eine Gasse. Osander Wallungurs Vater, war nicht anwesend weil er die Schande nicht ertragen konnte. Die Wachen schoben den Jäger in die Gasse. Als Wallungur die ersten sich gegenüberstehen passierte, schlugen sie mit den heißen und Dornen besetzten Routen auf ihn ein. 

Am Anfang zuckte er noch zusammen, doch schon nach kurzer Zeit spürte er nur noch ein Brennen. Als er das Ende der Gasse erreicht hatte, sank er erschöpft zu Boden. Irgendwer schnitt ihm mit einem Jagdmesser den Bart ab, eine der schlimmsten Demütigungen die einem Zwerg angetan werden konnten. Zwei Wachen schleiften ihn aus der Festung hinaus bis zum Waldrand. Nun lag es in den Händen seines Gottes, ob er am Leben blieb oder den Wölfen als Mahl diente.

Die Nacht breitete ihren mit Sternen besetzten Mantel aus als Wallungur aus seiner Betäubung erwachte. Vor seinem Geistigen Auge sah er bereits die Raubtiere auf sich zukommen und über ihn herfallen. Er war geschwächt und müde. Der einst stolze Jäger wollte aufgeben, doch da näherten sich Schritte. Als er den Kopf hob erkannte er Swongor Grossohr, Swanthes jüngeren Bruder. Er hatte ein Bündel in den Armen, bevor er sich Wallungur näherte schaute sich der Zwerg wachsam um. „Ich weiß dass du meine Schwester geliebt hast und ihr nichts Böses wolltest. Das ist alles was ich tun kann! Sie hätte nicht gewollt das du wegen der Liebe zu ihr Stirbst!" Mit diesen Worten warf er dem Jäger das Bündel zu und rannte zurück in die Festung. Wallungur löste die Riemen und untersuchte den Inhalt. Er fand Kleidung, Wundsalbe, ein Jagdmesser sowie Trockenfleisch und ein Lederschlauch mit Wasser. Nun war er gerettet doch zugleich, erfüllte sich der Fluch.
Raziael/Überarbeitung: Rina Smaragdauge
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