Samstag, 24. Dezember 2011

Eine Weihnachtsgeschichte, Lüttjemann und Püttjerinchen

Es war einmal zwei Mooswichte, die lebten in einem alten Steinbruch.
Sie hatten ein einziges Kind, das nannten sie Lüttjemann, weil es noch viel kleiner war, als die Kinder der Mooswichte sonst sind, hatte es in einer Wiege aus einer halben Walnussschale Platz .
Die alten Mooswichte liebten ihren einzigen Sohn zärtlich; er bekam das feinste Essen: Blumenhonig und Nusskernbrot und dazu Mondtau und die herrlichsten Spielsachen: goldene Käferflügel, silberne Libellenaugen, blitzende Kristalle und funkelnde Steine.
Als er größer wurde und zu Verstand kam, ließen ihn seine Eltern etwas Tüchtiges lernen: der Maulwurf lehrte ihm das Graben, der Specht das Meißeln, die Maus das Hobeln, der Käfer das Bohren, die Spinne das Weben, die Schnecke das Polieren, die Heuschrecke brachte ihm das Fiedeln und die Mücke das Singen bei.
Als Lüttjemann so groß war, dass ihm der Bart wuchs, sagte sein Vater zu ihm: "Du kannst nun allein in der Welt fertig werden. Suche dir eine Wohnung, richte sie dir hübsch ein, nimm dir eine Frau und werde glücklich mit ihr, wie ich es mit deiner Mutter bin. Und damit dir unterwegs niemand etwas tut, so hast du hier einen Spieß und Bogen und Pfeile." Und er gab ihm einen Schlehdorn, einen Bogen aus einer Fischgräte und Pfeile aus Wildschweinborsten mit giftigen Spitzen aus Bienenstacheln.

Lüttjemanns Mutter weinte sehr als sie das hörte und wischte sich mit ihrer Schürze, einem roten Mohnblatt, die Tränen aus den  Augen. Sie küsste ihren Sohn und sprach zu ihm: "Heirate kein Mädchen, das nicht dünn in der Mitte, blau in den Augen und blond auf dem Kopfe ist. Und hier hast du allerlei mit auf die Reise. Sie gab ihm eine Tasche aus Spitzmausfell, darin war: eine Bucheckernflasche mit Bickbeerwein, eine Wurst aus Schneckenfleisch und ein Brot aus Hirtentäschel.

Lüttjemann wollte auch erst weinen weil er nun so allein in die Welt hinaus musste, aber er dachte daran dass er einen Bart, einen Spieß und Pfeil und Bogen hatte, er küsste seinen Vater und seine Mutter und ging tapfer in die Welt hinaus.

Als er eine Weile gegangen war, wurde er hungrig und setzte sich unter ein Klettenblatt um zu frühstücken. Vorher aber rief er, wie es ihn seine Eltern gelehrt hatten: "Ich hab für zwei Mann genug im Sack, ist keiner da, der mithalten mag?"

Da schnurrte es über Lüttjemann, ein Zaunkönig kam angeflogen, machte einen tiefen Knicks und sagte: "Ich esse auch nicht gern allein, ich bin so frei und lade mich ein."
Sie aßen und tranken, und als der Zaunkönig satt war, bedankte er sich schön und sprach: "Will man dir etwas tun, so rufe mich, ich heiße Vogel Wunderlich." Lüttjemann ging weiter, und als er wieder hungrig wurde, setzte er sich unter einen Fliegenpilz, knöpfte sein Ranzen auf und rief: "Ich habe für zwei Mann genug im Sack, ist keiner da der mithalten mag?"
Da raschelte es neben ihm, und ein Igel kam, bot Lüttjemann die Tageszeit und sprach: "Ich esse auch nicht gern allein, ich bin so frei und lad mich ein."
Sie aßen und tranken, und als der Igel satt war, bedankte er sich schön und sprach: "Will man dir was tun, so rufe mich, ich bin der Igel Picke dich."
Lüttjemann ging weiter, und als er abermals hungrig war, setzte er sich unter einen Brombeerbusch und lud sich wieder Gesellschaft ein. Da kam ein Hirschkäfer, machte einen Diener und vesperte mit, und als er satt war, bedankte er sich schön und sagte: "Will man dir was tun, so rufe mich her, ich bin der Käfer Kneife sehr."
Lüttjemann ging weiter und fand einen goldenen Laufkäfer auf dem Rücken liegen, er half ihm auf die Beine,  da sagte der Käfer: "Du halfst mir aus Not und Pein, dafür will ich dein Hund jetzt sein" Und Lüttjemann freute sich sehr darüber und sprach: "Blitzeblank, so nenn' ich dich, lauf voran und schütze mich!" Da lief Blitzeblank vor ihm her und biss alles in die Beine, was den Weg nicht freigeben wollte.
Gegen Abend kamen sie an einen Steinbruch. Da sahen sie drei Glühwürmer, die leuchteten, und sechs Totengräber in schwarzen und rotbesetzten Röckchen die eine Fledermaus beerdigten. Lüttjemann half ihnen dabei und lud sie nachher zum Abendbrot ein. Als die Totengräber hörten, dass er ein Haus für sich suche, zeigten sie ihm die Wohnung der Fledermaus, die jetzt leer stand.
Lüttjemann ging mit und sah sich die Wohnung an. Es war ein Loch in der Felswand unter einem Glockenblumenbusch. Die Glühwürmer leuchteten, und die Totengräber machten rein, und als alle  Kehricht heraus war den die alte faule Fledermaus hatte liegen lassen, da freute sich Lüttjemann, denn die Decke war ganz und gar aus blanken Kristallen und die Wände aus dem schönsten Kalkstein.
Er machte zwei Lager, eins für sich und eins für Blitzeblank, dann schlief ruhig ein, denn er war von dem weiten Weg müde. Frisch und munter wachte er am andern Morgen auf, wusch sich in einem großen Tautropfen und kochte auf einem Feuer aus trockenen Tannennadeln ein Lerchen ei, das Blitzeblank herangeschleppt hatte, in einem Topf aus einer Schneckenschale. Er frühstückte und richtete sich seine Wohnung ein und weil er viel freundlicher und gefälliger war, als die brummige Fledermaus, so halfen ihm die kleinen Leute aus der Nachbarschaft.
Die Spinne webte ihm Vorhänge, die Eule gab ihm Federn für das Bett, das Eichhorn sorgte für Teller und Töpfe aus Nüssen und Eicheln, Brennholz brachten die Ameisen, der Specht schaffte Leuchtholz herbei damit Lüttjemann abends Licht hatte, die Bienen lieferten Honig und der Eisvogel Libellenflügel als Wandschmuck.
Als alles fertig war, sagte Lüttjemann: "Fix und fertig ist das Haus, jetzt geh' ich und suche die Braut mir aus."
Jeden Tag ging er in die Nachbarschaft auf Brautschau, doch jeden Abend kam er allein nach Hause, denn er hatte keine Frau gefunden, die zu ihm passte. Die Unke war zu dick in der Mitte, das Goldhähnchen hatte schwarze Augen und die Spitzmaus war zu schwarz auf dem Kopf. So kam der Herbst in das Land, und Lüttjemann hatte immer noch keine Frau. Sein Häuschen war sauber und gemütlich, Küche und Keller, Stall und Scheune waren voll. Aber Lüttjemann wurde immer trauriger weil er so allein war, darum spielte er auf seiner Fiedel, die er sich aus einem Mausekopf gemacht hatte, nur noch ganz leise Lieder.
Als der Wind die roten Blätter von den Bäumen riss, kam eine kleine Haselmaus und fragte Lüttjemann ob sie nicht den Winter über neben dem Herd schlafen dürfe, denn die Holzhauer hätten ihr Häuschen in der Buche entzwei gemacht. Das erlaubte Lüttjemann ihr, und sie ging hinter den Herd, rollte sich zusammen und schlief ein.
So wurde es Winter und wenn Lüttjemann auch noch so traurig war über sein Alleinsein, einen Weihnachtsbaum wollte er doch haben. Er ging mit seiner Säge, einem scharfen Heuschreckenbein in den Wald, dorthin wo die ganz kleinen Tannenbäume stehen, suchte sich den schönsten aus und schnitt ihn ab. Er setzte den Baum in eine Kastanie und putzte ihn aus mit Lichtern aus Schneckentalg. Die Verzierung war aus Flittergold von Schmetterlingsflügeln und Watteflöckchen vom Altweibersommer. Weil er am Weihnachtsabend aber nicht allein sein wollte, backte er tüchtig Kuchen für sich und seine Gäste und machte dazu ein großes Feuer, dass die Haselmaus warm und munter wurde.
Sie rieb sich die großen schwarzen Augen, strich sich ihren langen Schnurrbart gerade, kämmte und putzte sich und sprach: "Lüttjemann, sei mal still, weil ich dir etwas sagen will. Mir hat geträumt in letzter Nacht, Christkind hat dir etwas gebracht. Mitten dünn, oben Gold, und die Augen blau und hold. Wo der Bach den Bogen macht, es die Pustefrau bewacht."
Lüttjemann riss sich sein rotes Mützchen vom Kopf und schrie: "Hurra, hurra, das stimmt genau; das passt ganz auf meine Frau."
Aber dann wurde er sehr traurig, denn die Pustefrau war eine Hexe, der jeder gern aus dem Wege ging. Denn, wen sie anpustete, der wurde steif und stumm. Aber er dachte an seinen Spieß und Bogen und seine Pfeile und ging geradewegs nach dem Bache.
Da saß die Pustefrau unter einer faulen Eichenwurzel, rieb vor Boshaftigkeit ihre Spinnenfinger. Lüttjemann trat vor sie und rief: „ Höre böses Weib, ich gehe nicht eher bis die Jungfer ist befreit." Die Hexe zwinkerte mit den grünen Augen und rief: "Lüttjemann, Lüttjemann, wer mich stört den Puste ich an. Püttjerinchen deine Braut, schläft schon auf dem Farrenkraut. Wenn mit der Glockenklang der Christenfest kehrt ein, ist der Jungfrau Schönheit mein."
Lüttjemann hatte große Angst, als er die Pustefrau so reden hörte, als er aber das Püttjerinchen sah, die hinter der Hexe auf dem Farrenbett lag und schlief, in der Mitte dünn, auf dem Kopfe blond und in den Augen blau, da ging er tapfer auf die Alte los.
Die Hexe machte sich dick wie eine Kröte und pustete. Als sie das erste mal pustete, lief es Lüttjemann kalt über den Rücken, aber er schoss doch einige Pfeile ab. Die Hexe aber lachte böse, fing die Pfeile auf und blies zum zweiten mal. Da lief es Lüttjemann kochend heiß über den Rücken, aber er schwang mutig seinen Speer und ging auf die Hexe los. Da machte sie sich doppelt so dick wie vorher, Lüttjemann dachte an den Zaunkönig und rief: "Kleiner Vogel Wunderlich, rette vor der Hexe mich!" Da schnurrte es in der Luft und der Zaunkönig kam an. Er flog der Pustefrau in das Gesicht und kratzte sie mit seinen Krallen. Aber wenn er dadurch auch Lüttjemann das Leben rettete, er selber wurde von der Hexe angeblasen, und fiel steif und stumm in den Schnee.
Wieder blies die Hexe sich auf und da fiel Lüttjemann der Igel ein und er rief: "Gutes Tierchen Picke dich, komm her ich brauche dich!"
Da trappelte es im Schnee, der Igel kam an, rollte sich zusammen und kugelte sich auf die Pustefrau. Er stach sie so sehr in die Beine, dass sie laut schrie. Aber auch ihn pustete die Hexe an, steif und stumm lag er im Schnee.
Wieder blies die Hexe sich auf und wollte Lüttjemann anpusten, da dachte er an den Hirschkäfer und schrie: " Kneife sehr Tapferer Gesell, steh mir bei, bitte schnell!"
Da krabbelte es in der faulen Eichenwurzel unter der die Pustefrau saß, Kneife sehr streckte seine Zange hervor, fasste die Hexe um den Hals und würgte sie, sie wurde blau im Gesicht und vergaß das Pusten. Da sprang Lüttjemann hinzu, stieß ihr seinen Speer in das Herz und warf das Scheusal in den Bach.
Da erwachte Püttjerinchen aus dem Zauberschlaf, richtete sich auf, strich ihr seidenes Röckchen glatt, gab Lüttjemann einen Kuss und sprach: "Püttjerinchen heiße ich, ich bin zart und püttjerig. Befreit du mich hast aus der bösen Hexe bann, du bist Tapfer und ein Hübscher Mann. Mein Vater ist König im Wollgrasland, Flitterfroh ist er genannt und meine Mutter, die Königin, die nennen sie Frau Sausewind."
Da lachte Lüttjemann und fragte sie, ob sie seine Frau sein wollte,  Püttjerinchen war  zufrieden und stimmte zu. Alle kleinen Leute im Walde kamen und wünschten ihnen Glück und geleiteten sie mit Musik durch den Schnee nach Lüttjemanns Haus, auch der Zaunkönig und der Igel, die wieder aufgewacht waren, kamen mit.
Die Haselmaus lachte, als der fröhliche Zug ankam, deckte den Tisch, braute einen Hagebuttenpunsch und steckte die Lichter an den Weihnachtsbaum an, gerade als unten im Dorfe die Glocken zu läuten begannen und die Menschen auch die Lichter anzündeten.
Da ging es denn vergnügt her, Lüttjemann war froh, dass er eine Frau hatte, und Püttjerinchen freute sich, dass sie einen so guten Mann bekommen hatte.
Im Frühling feierten sie Hochzeit, wozu Lüttjemanns und Püttjerinchens Eltern auch kamen, und als sie Kinder bekamen, nannten sie den Jungen Lüttjepütt und das Mädchen Püttjelütt, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie auch heute noch.

Zum Gedenken an Hermann Löhns
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