Donnerstag, 22. Dezember 2011

Der Gaukler

Als Kind lebte ich in einer Burgstadt. Zusammen mit meinen Eltern und meiner Schwester wohnten wir in einer schmalen Gasse. Mein Vater war Stellmacher und unser Haus war auch zugleich seine Werkstatt.
Jedes Jahr im Frühling wurde ein großes Fest, zu Ehren des Grafen veranstaltet. An diesem Tag wurde die Stadt geschmückt und es kamen viele Leute, Händler, Spielmänner und Künstler. Es gab Stände an denen man Bier und gebratenes kaufen konnte. Der Höhepunkt des Festes war das der Graf fünf Männer und Jungen aus dem gemeinen Volk auswählte ihn auf die Jagt zu begleiten. Ich war immer neidisch auf die Jungen, die mit ihren Vätern auf die Jagt durften, den bisher hatten mein Vater und ich nie das Glück gehabt.

Früh am Morgen des Festtages holte ich meine Münzen, die ich mir hart als Stallbursche verdient hatte, unter meinem Bett hervor und machte mich auf zum Marktplatz. Als ich den Platz erreichte waren schon viele Leute dort. Es roch nach gebratenem Schwein, Gegrillten Hühnern und Malzigem Bier. Schausteller versuchten mit lauten Rufen Zuschauer an zu locken. Dort waren Messerwerfer, Feuerschlucker und ein Mädchen das über ein dünnes Seil Balancierte. 

Doch ich wusste wo ich hinwollte, ich wollte meinen Favoriten sehen „Den wilden Homungus"  so nannte er sich. Homungus war ein Riese von einem Mann und war stärker als ein Bär. Er stemmte schwere Steine und verbog Eisenstangen. Doch am spannendsten war es wenn er von seinen Abenteuern erzählte, wie er Drachen erschlagen und Räuber in die Flucht geschlagen hatte. Einmal hatte er sogar ein junges Mädchen aus den Fängen von Raubrittern befreit, solch ein Held wollte ich auch einmal werden. Ich zwängte mich zwischen den Erwachsenen hindurch, doch als ich die Tribüne erreichte, wo Homungus immer seine Vorstellung gab, war diese noch leer.

Ich schaute mich noch etwas um, blieb aber in der Nähe um einen Platz in der ersten Reihe zu bekommen. Etwas weiter sah ich eine gruppe Menschen die Lachten und in die Hände Klatschten und meine Neugierde trieb mich dorthin. Auf der Bühne stand ein Mann mit ganz dünnen Armen und Beinen. Seine Haare waren so rot wie eine Karotte und sein Gesicht war über mit Sommersprossen. Seine Kleidung war aus bunten Flicken zusammen genäht und mit vielen Glöckchen verziert, die bei jeder Bewegung bimmelten. 

Er sang und Tanzte auf der Bühne hin und her, dazu Spielte er eine Laute. Ich musste lächeln, denn eine Laute zupfen sei eher etwas für Mädchen. Dann erzählte er Witze und die Zuschauer brachen in lautes  Gelächter aus. Als er damit fertig war holte er Vier Langdolche aus seiner Tasche und begann damit zu Jonglieren. Die Leute stimmten ein langes „ Aaaaah" an, doch ich war mir sicher dass die Dolche stumpf waren.

Dann wurde Gejubelt, Homungus war endlich eingetroffen. So schnell ich konnte lief ich zu seiner Bühne und drängelte mich in die erste Reihe. Er war Gross und immer wenn er die Arme beugte schwollen seine Muskeln zu mächtigen kugeln. Er entschuldigte sich für seine Verspätung, denn er Zeuge eines Überfalles. Sechs Räuber hatten versuchte einer wehrlosen Frau die habe zu stehlen und er sah sich gezwungen ein zu greifen. Wieder jubelte die Menge und die Mädchen seufzten verliebt.

Dann begann er mit seiner Vorstellung. Er warf große Steine in die Luft als wären sie federleicht und schlug Eichenbretter entzwei. „Erzähl uns von deinen Abenteuern" riefen wir Jungen und sogleich berichtete er wie er die Frau vor den Räubern beschützt hatte.
Plötzlich war lautes Rufen zu hören „Diebe, Diebe, haltet den Dieb er hat mein Geld gestohlen" ein Mann hatte einer alten Großmutter die Geldkatze aus der Hand gerissen und versuchte zu fliehen. Ein junger Mann stellte sich ihm Beherzt in den Weg, doch der Dieb zog ein Messer und stach dem Jungen in den Bauch, einmal, zweimal, der Junge ging blutend zu Boden. Wild hieb der Mann mit dem Messer um sich, nichtachtend wen er Verletzte. Furchtsam wichen die Leute vor ihm zurück. Dann plötzlich stand der Dieb auf der Bühne von Homungus * Nun kannst du was Erleben, Homungus wird dich vierteilen* dachte ich mir.

Doch was war das? Homungus warf sich zu Boden und hielt eines seiner Bretter zum Schutz vor sein Gesicht. Ich konnte nicht Glauben was ich dort sah. Was war mit den Drachen, den Raubrittern und den befreiten Mädchen? Ein Schmerzensschrei holte mich zu dem geschehen zurück. Aus dem Schenkel des Diebes steckte ein langer Dolch. Kurz darauf stand der Buntgekleidete Jongleur auf der Bühne. Der Dieb griff den Gaukler an, doch der duckte sich geschickt unter der Attacke hinweg. Er Sprang in die Luft und drehte sich um die eigne Achse, streckte das Bein und traf den Dieb hart mit dem Fuß im Gesicht. Die Wucht des Trittes riss den Dieb zu Boden wo er Blut und Zähne spuckte.

Der Jongleur setzte gleich nach und trat dem Dieb in die Rippen, das rief er „ bleib Liegen Man, damit ich dich besser Treffen kann" bald waren auch schon die Stadtwachen zur Stelle, der Jongleur zog dem Dieb brutal den Dolch aus dem Bein, nahm ihm die Geldkatze ab und gab sie der alten Frau zurück. Er winkte dem Dieb, der gefesselt abgeführt wurde, hinterher und sagte laut „ich verschonte dein Genick, diese Aufgabe überlasse ich dem Strick" dann sprang er mit einem Salto rückwärts von der Bühne.

Ich blieb zurück und schaute auf Homungus, der immer noch am Boden kauerte und wie ein gestochenes Kalb zitterte. Ich zog die Nase hoch und spuckte ihm meine ganze Verachtung entgegen. Ich lief zu dem Gaukler, applaudierte ihm und fühlte mich schuldig weil ich ihn verspottet hatte. Er spielte auf seiner Laute und ließ die Menschen das schreckliche Geschehen vergessen. An diesem Tag hatte ich etwas gelernt. Es ist nicht wichtig wie Gross oder klein man ist. Wie Stark oder Schwach. Es ist wichtig den Mut zu haben das richtige zu tun wenn es nötig ist.
Raziael

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