Mittwoch, 21. August 2013

Kapitel 6: Strafe muss sein



Kapitel 6: Strafe muss sein
Mit bangem Herzen machte sich Camy auf den Weg in die Ratshalle. Es war
weniger Zwergenvolk unterwegs, als es für diese Uhrzeit eigentlich üblich war.
Doch die wenigen Zwerge die ihr begegneten, wandten den Blick von ihr ab und
taten so, als würde sie nicht existieren. Als sie um die letzte Ecke bog und sie
auf den Marktplatz schauen konnte, sah sie, wo all die Zwerge geblieben waren.
Sie hatten sich dort versammelt und warteten auf ihr Urteil. Scheinbar hatte
Mergol überall herum erzählt, was geschehen war. Bestimmt war sie schon das
Gesprächsthema in den Tavernen. Suchend schaute sie sich um, aber ihren Vater
konnte sie nirgends entdecken. Noch einmal holte sie tief Luft, straffte die
Schultern und ging mit erhobenem Kopf durch die kleine Gasse, die die Leute
für sie gebildet hatten. „Dir wird deine Hochnäsigkeit noch vergehen, Camy
Silberblick. Nun bekommst du hoffentlich, was du verdienst.“ zischte ihr ein
besonders wild aussehender Zwerg zu. Sie erkannte in ihm einen Freund
Mergols. Er war einer derjenigen, der ihn zu Torgast gebracht hatte.
Blass und zitternd vor Anspannung klopfte sie an die Tür zur Ratshalle. Einen
Wimpernschlag später wurde die Tür geöffnet und Camy trat ein. Die Stühle
wurden für die Versammlung um den großen Eichentisch herum aufgestellt und
der ganze Rat hatte an ihm Platz genommen. ‚Gleich alle Versammlungs- mitglieder sind erschienen. Das kann doch nur eines bedeuten…‘
dachte sie verzweifelt.

Das Clanoberhaupt begrüßte sie mit einem Kopfnicken. „Wie du siehst, hat sich
der gesamte Rat eingefunden, um bei der Verkündung deiner Strafe anwesend
zu sein. Allerdings werde ich keinerlei Diskussionen zulassen.“ Er sah die
Ratsmitglieder streng an und Camy spürte, dass er nicht zu ihr gesprochen hatte.

„Ich habe lange über deine Strafe nachgedacht und es fiel mir nicht leicht, eine
angemessene Bestrafung für dich zu finden. Du hast einen Fehler gemacht und
hast dich dazu hinreißen lassen, deinen Gefühlen zu folgen anstatt erst einmal
den Kopf zu benutzen. Ich kann nicht zulassen, dass wir vom Clan der
Stahlfäuste uns gegenseitig demütigen. Wir müssen in Zeiten wie diesen
zusammenhalten und dürfen uns das Leben nicht unnötig schwer machen.
Deshalb wirst du heute nicht die einzige sein, die ihre, hoffentlich gerechte,
Strafe erhält.“ Sein Blick wanderte zu Mergol. „Darum werde ich auch zunächst
einmal Mergols Strafe verkünden. Du hast dich einer Zwergin gegenüber
ungebührlich verhalten und sie zu ihrer Tat provoziert. Du wirst vom Dienst bei
der Zwergenwacht 4 Wochen ohne Entgeld freigestellt und wirst unseren
Heilern zur Hand gehen und tun, was sie von dir verlangen. Ganz gleich, ob ihre
Anweisungen unter der Würde eines Kämpfers sind. Die Heiler im
Genesungshaus werden sich sicher über deine Hilfe freuen.“

Camy sah zu Mergol hinüber. Er hatte schlagartig die Gesichtsfarbe gewechselt
und von seinem hämischen Gesichtsausdruck war nichts mehr zu sehen. Er hatte
nicht mit einer Bestrafung für sich gerechnet und Torgasts Miene ließ auch
keinen Widerspruch zu.

„Nun zu dir, Camy. Du weißt, wie es um unser Volk bestellt ist und du weißt,
dass wir jeden Krieger im Kampf gegen die Orks dringend benötigen, selbst
wenn es so einer wie Mergol ist. Wie du gehört hast, hat auch Mergol eine
Strafe bekommen, die ihn vermutlich ein wenig schmerzen wird. Und so habe
ich mir folgendes für dich überlegt: du wirst unseren Clan für eine Weile
verlassen.“ Für eine Weile…‘ dachte Camy. ‚Nur für eine Weile?‘Also keine
Verbannung?‘

„Und zwar so lange wie es dauert, den Zeremonienhammer der Stahlfäuste neu
zu schmieden.“ Bei seinen Worten ging ein ungläubiges Raunen durch die
Reihen der Anwesenden. Der Zeremonienhammer war vor vielen Jahren
während eines Kampfes zerstört worden, in einem Kampf an dem Camys Vater
beteiligt gewesen war. „Dieser Hammer ist ein Symbol für den Zusammenhalt
aller Zwergenclans und wurde einst von den besten Handwerkern der fünf
großen Clans erschaffen. Du wirst dich nun auf die Reise zu 4 dieser Meister
ihres Faches begeben und ihnen dabei helfen, uns einen neuen Hammer zu
schmieden. Du wirst bei ihnen leben, ihren Sitten und Gebräuchen folgen und
mit ihnen arbeiten. Du wirst tun, was man dir sagt, die vier Bestandteile des
Hammers zusammensetzen und am Ende deines Weges nach Hause zurück
kehren. Hier wirst du dann als fünfte Komponente den stählernen Dorn
schmieden und ihn als letztes dem Hammer zufügen.“ Camy starrte ihn mit weit
aufgerissenen Augen an. „Ich darf nach Hause zurück?“ fragte sie und blickte
hoffnungsvoll in die Runde. „Ja, du darfst nach Hause kommen wenn deine
Aufgabe erledigt ist. Freu dich aber nicht zu früh: du wirst dich unterwegs selbst
versorgen müssen. Um Geld zu verdienen, für Proviant und ab und zu ein
gemütliches, warmes Bett wirst du Schmiedearbeiten bei den Menschen
annehmen müssen. Oder die Arbeiten erledigen, für die sie bereit sind dich zu
bezahlen. Während du bei den anderen Meistern wohnst, werden sie dich mit
allem notwendigen versorgen. Ich habe schon Nachricht an sie gesendet, sie
erwarten dich. Aber ich werde dich nicht allein auf die Reise schicken. Mein
Bruder Wulfgast wird dich begleiten. Sobald er zum Aufbruch fertig ist, wird
eure Reise beginnen. Möge euch der große Schmied wohlgesonnen sein und
seine Axt schützend über euch halten. “

Mit diesen Worten schloss Torgast die Versammlung und bedeutete Camy, dass
sie gehen konnte. Die Schmiedin starrte noch eine Weile vor sich hin, ehe sie
begriffen hatte, dass sie zwar nicht verbannt wurde, aber dennoch ihre Heimat
verlassen musste. Da packte sie jemand unsanft am Arm. „In zwei Stunden
brechen wir auf. Zieh dir festes Schuhwerk an, wir haben einen weiten Weg vor
uns. Und vergess nicht die Hälfte, wir werden nicht umkehren, nur weil du dein
Schmusetuch daheim vergessen hast.“ brummte ein stämmiger Zwerg. Camy
vermutete, dies sei ihr Reisebegleiter. „Du bist Wulfgast?“ „Ja, der bin ich. Und
da dies jetzt geklärt ist, schwing die Hufe. Wir haben nicht ewig Zeit.“

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Viel Spass beim Lesen wünschen Euch Rina Smaragdauge und Raziael
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