Sonntag, 23. Dezember 2012

Doppelt hält besser.Eine Weihnachtsgeschichte, mit wahrem Hintergrund, von Rina Smaragdauge

                                  Doppelt hält besser


Einträchtig standen sie nebeneinander und ernteten die Buschbohnen, genau so wie sie es schon seit vielen Jahren taten. Die beiden gönnten sich nicht viel: sie lebten sparsam und fuhren nie in Urlaub oder machten sich kostspielige Geschenke. Ihnen war ihr kleiner Schrebergarten genug. Mit der Zeit hatten sie sich ein kleines, gemütliches Gartenhäuschen gebaut, Rosen gepflanzt, die sich an einem Torbogen empor rankten und die Spalier standen, wenn man den Garten betrat.

Doch auch das Nützliche kam nicht zu kurz. Der Garten versorgte sie mit Kirschen, Äpfeln, Tomaten, Bohnen und Erdbeeren, die jedoch heimlich von den Enkelkindern stibitzt und genascht wurden. Jeder hielt sich gern in diesem Garten auf und war auch immer bereit, kräftig mit anzupacken wenn es darum ging, die Köstlichkeiten zu verarbeiten.

Nun, heute waren die Bohnen an der Reihe. Eimerweise wurden sie gerupft und nach Hause gebracht. Es war ein wunderschöner Sommertag und so setzten sie sich mit ihrer Enkelin im Hof in den Schatten und begannen mit der Arbeit. Die Bohnen wurden gewaschen, geputzt und klein geschnitten. Die Enkelin plapperte munter vor sich hin, unterhielt sich mit den Großeltern und schlürfte ihre Waldmeister-Brause. Der Großvater, ein eher stiller Mann, lauschte der angeregten Unterhaltung seiner beiden ‚Mädchen', lächelte und erzählte ab und an einen Witz.

Nach zwei Stunden Arbeit waren die Bohnen alle geschnitten, in Gefriertüten gepackt und eingefroren. Zufrieden, dass sie alles an einem Tag erledigt hatten, spendierte der Großvater allen ein Eis, dass sie sich genüsslich auf der Zunge zergehen ließen. Am Abend, es war gerade Abendbrot Zeit, ging ein leiser Schrei durch das kleine Häuschen. Erschrocken eilten Opa und Enkelin herbei um zu sehen, was geschehen war. Aufgebracht kam ihnen die Großmutter entgegen. „Er ist weg!" rief sie. „Meine Güte, er ist weg!!! Kommt, wir müssen ihn unbedingt suchen." Die beiden verstanden kein Wort und der Großvater bemühte sich, seine Frau zu beruhigen. „Nun mal langsam: tief durchatmen und dann erzähle uns, was denn verschwunden ist." 

Doch so leicht konnte sich die Ärmste nicht beruhigen und schließlich fing sie sogar an zu weinen. Schluchzend erzählte sie, dass sie ihren Ehering nicht mehr am Finger hatte. „Ich muß ihn verloren haben." jammerte sie. Sie hatten sich vor 15 Jahren, zur Silberhochzeit, neue Eheringe gekauft, denn die alten waren aus dünnem Gold und schon sehr abgewetzt. Der Großvater hatte keine besseren Ringe auftreiben können, denn sie hatten während des 2. Weltkrieges geheiratet. Aber er hatte versprochen, dass sie irgendwann einmal bessere, schönere bekommen würden. Dieses Versprechen hatte er zur Silbernen Hochzeit wahr gemacht und seine Frau damit überrascht. Deshalb hing sie besonders an diesem Ring.

Es dämmerte schon, als sie suchend im Hof herum liefen und den Ring suchten. Das ganze Haus durchwühlten sie, aber von dem verlorenen Schmuckstück war keine Spur zu finden. So blieb nur der Garten, aber es war schon zu spät und zu dunkel um ihn dort suchen zu können. Die Großmutter war immer noch untröstlich und weinte still vor sich hin. Gleich am nächsten Morgen zogen die drei los und durchstöberten den Garten, doch der Ring blieb verschwunden.

Die Großmutter war tagelang traurig und hatte an ihrem Garten keine große Freude mehr. Immer wieder streiften ihre Augen suchend umher. Ihr Mann versuchte sie zu trösten und nahm sie immer wenn sie wieder den Tränen nahe war in die Arme. „Ach Mädchen. Der Ring ist doch nur ein Symbol, ein äußeres Zeichen unserer Liebe. Wir brauchen doch keine Eheringe um zu wissen, dass wir uns nach über 40 Jahren immer noch lieb haben." Er küsste ihre Tränen fort und scherzte: „Nun gut, er hält dir auch die vielen Verehrer vom Leib. Schließlich wäre jeder gern mit der schönsten und liebsten Frau der Welt verbandelt."

So vergingen erst Tage, Wochen, dann Monate und der Ring tauchte nicht wieder auf. Die Großmutter hatte sich damit abgefunden, dass sie ihn für immer verloren hatte. Bald schon fiel der erste Schnee und der Advent kam. Geschäftig wuselten alle im Haus herum und bereiteten sich auf das Weihnachtsfest vor. Plätzchen wurden gebacken, Lichterketten an die Fenster gehängt, Geschenke gebastelt oder beim Einkaufsbummel heimlich gekauft. Alle freuten sich auf das große Fest, bei dem die ganze Familie zusammen saß.

Der Großvater hatte sich besonders Mühe gegeben und im Geheimen für die Großmutter ein Geschenk ausgedacht. Neugierig wie sie nun mal war, bohrte sie tagelang nach, doch ihr Mann zuckte nur die Schultern und lächelte wissend. Obwohl sie nach ihrem Geschenk suchend im Haus herum lief und ihm Fangfragen stellte konnte sie nicht herausfinden, was er für sie vorbereitet hatte.

Nun war es endlich so weit und die Familie wartete vor der verschlossenen Wohnzimmertür auf das Läuten des Glöckchens, das sie wie jedes Jahr in die gute Stube rief. Leise klingelte es und die Kinder stürmten als erstes zum Weihnachtsbaum. Lachend und voller Vorfreude wurden die Päckchen verteilt und eilig aufgerissen. Freudenschreie und Jubel  hallten durch das Haus und langsam wurden die Geschenke unter dem Baum weniger und die Enttäuschung der Großmutter größer: sie hatte bemerkt, dass sie schon alle ihre Geschenke bekommen hatte, aber noch keines von ihrem Mann. Ungewohnt still saß sie in ihrem Lieblingssessel und schaute ihren Enkeln zu, wie sie die neuen Spielsachen ausprobierten.

„Opa, hast du denn kein Geschenk für Oma?" fragte die Enkelin, der als einzige aufgefallen war das ihre Großmutter tatsächlich noch keines bekommen hatte. „Natürlich hab ich ein Geschenk für deine Oma." erwiderte er lachend und zog ein kleines Kästchen aus der Hosentasche, dass in silbernem Glitzerpapier eingewickelt war. Strahlend nahm sie es ihm aus der Hand und mit zitternden Fingern packte sie es aus. Sie öffnete das Kästchen und beim Anblick des Geschenkes traten ihr Tränen in die Augen. „Ein Ring… Du hast einen neuen Ring für mich…." Sie fiel ihm um den Hals und bedankte sich weinend. „Hmmmm, Oma ist sprachlos. Kann sich jemand daran erinnern, wann sie das jemals war?" fragte ihr Sohn und alle lachten fröhlich.

Nach der Bescherung war es Zeit für das Festmahl. Gemeinsam hatten sie in der Küche gestanden und es zubereitet. Als die grünen Bohnen aufgetischt wurden rief die Großmutter: „ Genießt sie, dass sind die letzten." Herzhaft langten alle zu und aßen laut plappernd und lachend das Weihnachtsessen. „Autsch!" entfuhr es plötzlich dem Großvater. „Was um Himmels Willen ist das denn?!" Er verzog das Gesicht und spuckte den Bissen Bohnen, den er gerade im Mund hatte auf einen Löffel. „Da ist doch irgendwas in den Bohnen." Er sah genauer hin und begann, fürchterlich zu lachen. „Mädchen, ich habe deinen Ehering gefunden! Er diente uns heute als Beilage." Er zeigte den Ring seiner Frau und sie begann ebenfalls zu lachen. „Er muß mir beim Putzen der Bohnen vom Finger gerutscht sein und ich habe ihn mit in die Tiefkühltruhe gepackt. Ach, nun habe ich zwei, dann kann ich mir in Zukunft doppelt so viele Verehrer vom Hals halten." grinste sie verschmitzt. Von da an trug sie den verlorenen Ring am Finger und den geschenkten an einer Kette um den Hals.
von Rina Smaragdauge



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