Mittwoch, 24. Juli 2013

Kapitel 2: Ein unerwarteter Besuch



Kapitel 2: Ein unerwarteter Besuch

Der Morgen brach nach Camys Geschmack viel zu früh herein. Wie gern hätte sie sich noch einmal umgedreht und 1 Stunde länger geschlafen, aber sie hatte ja noch die anderen Aufträge zu erledigen, die sie wegen der Rüstung hinten an gestellt hatte. 'Komm schon, Camy. Beweg deinen Hintern in die Schmiede und zeig ihnen was du kannst' spornte sie sich in Gedanken selber an. Sie schwang die Beine aus ihrem Bett und machte sich fertig für einen neuen Tag. Auf Zehenspitzen schlich sie zur Wohnzimmertür und schloß sie leise, damit ihr alter Herr nicht wach wurde.
Dann ging sie weiter in die Küche um Wasser für den einzigen Luxus, den sie sich in ihrem Leben gönnte, aufzusetzen. Sie nahm eine Kanne aus billigem Blech aus dem wackligen Regal und füllte 3 Eßlöffel schwarzen Pulvers hinein. Dann goss sie das kochende Wasser hinzu und ließ das schwarze Gebräu 10 Minuten lang ziehen. Die Menschen hatten es zu den Zwergen gebracht und nannten es Kaffa. Und da der Handel zwischen den beiden Völkern nicht mehr so rege war, wurde das starke und belebende Getränk immer teurer. Vor sich hinstarrend wartete Camy auf ihren Kaffa und sog den aromatischen Duft ein. 

„Man gönnt sich ja sonst nichts, oder?“ holte sie die Stimme ihres Bruders in die Realität zurück. „Kannst du dir dieses Menschengesöff überhaupt leisten, Schwester?“ „Hm, grade so.“ gab sie zu. „Guten Morgen, Bruder. Was treibt dich so früh in unser Elternhaus?“ „Ich komme um die Rüstung zu holen. Mergol der Idiot hat verschlafen und schickt mich nun.“ „Du meinst wohl, er liegt noch bei einer Zwergin.“ „Nicht doch. So einer ist er nicht.“ empörte sich Dragbor. „Er hat einen über den Durst getrunken.“ „Ach so, dass ist natürlich viel besser.“ brummte Camy sarkastisch. „Sie liegt gut verpackt neben der Eingangstür. Hast du das Geld dabei, um meine Arbeit zu bezahlen?“ „Natürlich. 5 Silberstücke, richtig?“ „Ich bekomme 2 Silberstücke extra.“ forderte die Zwergin. „Schließlich habe ich die Reparatur meinen anderen Aufträgen vorgezogen und bis um 3 Uhr in der früh daran gearbeitet.“ 

Ihr Bruder zögerte kurz und dachte nach. „Na gut, dann also 7 Silberstücke. Das geht schon in Ordnung so, immerhin kostet ihn das immer noch viel weniger als bei einem richtigen Schmied.“ „Hey und was bin ich?!“ „Du? Bestenfalls eine mittelmäßige Kesselflickerin.“ „Vielen Dank, dass du so eine hohe Meinung von mir hast.“ „Warum regst du dich nur immer so auf, Schwester? Denkst du wirklich nur weil du manchmal ein bisschen was zum Ausbessern gebracht bekommst, halten dich die Leute für eine echte, vielleicht sogar gute Schmiedin? Weit gefehlt, Kleine. Sie kommen nur aus 3 Gründen: aus Mitleid mit dir, weil sie sich keinen besseren Schmied leisten können oder weil ich sie zu dir schicke. Bilde dir also nicht zu viel darauf ein. Genieße deinen Kaffa, den du dir nicht leisten kannst und überlasse die wirklich wichtigen Sachen besser klügeren und geschickteren Zwergen.“ schleuderte er ihr entgegen.

Camy wusste darauf eine passende Antwort, behielt sie aber für sich. Denn immer wenn sie ihrem Bruder sagte, was sie von ihm hielt, bekam sie seine Wut zu spüren. Wenn ihm seine Argumente ausgingen, schlug er zu und die schmächtige Zwergin konnte sich gegen seine Kraft und Brutalität nicht zur Wehr setzen. Außerdem schickte er ihr dann niemanden mehr, der ihr Arbeit brachte. Und ob sie wollte oder nicht: sie war nun mal auf das Geld angewiesen. Schließlich sorgte sie nicht nur für ihren Lebensunterhalt, sondern auch für den ihres Vaters. „Begrüßt du noch Vater, ehe du gehst?“ wechselte sie rasch das Thema und forderte ihren Bruder so unausgesprochen auf, das Haus zu verlassen. „Nein. Ich bin spät dran. Die Zwergenwacht bricht bald auf und ich muss die Rüstung zu Mergol bringen.“ Ohne ein weiteres Wort ließ er sie in der Küche zurück, nahm die Rüstung und verschwand. 

Mit zitternden Händen goss sich Camy einen Becher Kaffa ein. „Tja, warum sollten fremde Zwerge eine bessere Meinung haben…wenn selbst die eigene Sippschaft mich nur für einen mittelmäßigen Kesselflicker hält?“ murmelte sie traurig, bereite ihr Frühstück zu und verspeiste es, froh dass ihr Bruder gegangen war ohne sie grün und blau geschlagen zu haben. Zwei Stunden später, Camy hatte gefrühstückt und stand in ihrer Lederschürze an der kleinen Esse und schmiedete, klopfte es laut an der Haustür.

„Camy Silberblick? Öffne die Tür, sofort!“ rief jemand und schlug erneut an die Tür. Ein Poltern dröhnte aus dem Wohnzimmer und laut fluchend riss Camys Vater die Stubentür auf. „Wirst du wohl die Tür öffnen, ehe der Kerl sie uns noch einschlägt!“ brüllte er. „Und sag deinem nichtsnutzigen Liebhaber, er soll das nächste Mal etwas später hier auftauchen. Wie soll man bei diesem Lärm schlafen können?!“ Gerade wollte er sich abwenden und sich wieder schlafen legen, als der Mann an der Haustür erneut klopfte und rief:“ Camy Silberblick, ich komme im Namen Torgast Hammerhands. Unser Oberhaupt will mit dir reden. Also öffne sofort diese beschissene Tür oder ich trete sie ein!“ Pergobur, Camys Vater, hielt in der Bewegung inne. „Was hast du jetzt schon wieder angestellt?!“ fragte er vorwurfsvoll. Doch als Camy zu einer Antwort ansetzte, unterbrach er sie. „Ach, ist mir gleich. Ich will‘ s gar nicht wissen. Ist ohnehin dein Problem. Was schert es mich, in welchen Schwierigkeiten du dich mal wieder gebracht hast. Und jetzt öffne die Tür, damit ich endlich wieder in Ruhe schlafen kann!“

Rasch öffnete die Zwergin die Tür. Sie ahnte schon, warum sie der Oberste ihres Clans sie sprechen wollte. „Ich komm ja schon. Nur nicht so stürmisch, Herr Zwerg.“ begrüßte sie den Mann vor ihrer Haustür. „Und guten Morgen, liebe Nachbarn. So früh schon auf den Beinen?“ Sie winkte ihren Nachbarn aufgesetzt fröhlich zu. Diese waren neugierig zusammengelaufen und hatten sich vor dem Haus versammelt. Sie wollten unbedingt erfahren, was geschehen war. „Geht heim, hier gibt es nichts zu gaffen.“ rief der Zwerg der Garde ihnen zu. „Ihr erfahrt schon früh genug was passiert ist.“ „Was wird denn passieren?“ hakte Camy nach. „Torgast will mit dir sprechen und hat mir aufgetragen dich hier abzuholen. Mehr weiß ich nicht und mehr muss ich auch nicht wissen, um seine Befehle auszuführen.“ Camy nickte. „Darf ich mich noch schnell ein Wenig frisch machen?“ Der Mann der Garde schüttelte den Kopf. „Nein, mein Befehl lautet: sofort.“ „Stehe ich unter Arrest?“ „Nicht, wenn du mir keinen Ärger machst und freiwillig mit mir kommst.“ „In Ordnung, ich komme freiwillig mit.“

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Verfasst von Rina Smaragdauge, mit freundlicher Unterstützung von Raziael
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